Der digitale Übervater

Wer kennt ihn, den digitalen Übervater? Ich bin sicher, ihr kennt ihn alle.

Aber fangen wir mal von vorne an. Wie war das früher, als wir zur Schule gingen? Ich meine jetzt nicht die ganz jungen Leute unter uns, sondern die etwas älteren, in deren Schulzeit es noch keine Handys, geschweige denn Smartphones gab.

Unsere Mutter kam morgens ins Zimmer und hat uns geweckt. Sie hat uns gesagt, wie das Wetter ist und was wir anziehen sollen, dass wir nicht frieren bzw. übermäßig schwitzen müssen. Sie hat uns rechtzeitig erinnert, wann wir uns auf den Weg zur Schule machen müssen und dass wir auf den Verkehr achten sollen, falls wir mit dem Fahrrad unterwegs waren. Nach der Schule gab es zu Hause ein warmes Essen und die Mutter erinnerte an evtl. Klavier- oder Sportstunden, dass wir rechtzeitig dahin kommen. Auf diese Weise haben wir uns immer gut behütet und wohl gefühlt. Wenn wir einmal krank waren, hat unsere Mutter es uns angesehen und entsprechend versorgt, so fühlte man sich immer geborgen.

Und was spielt sich im digitalen Zeitalter ab? Das Smartphone klingelt, was ist los? Oh, ich muss aufstehen, dass ich rechtzeitig zur Arbeit komme. Wenn die Augen dann nach dem erholsamen Schlaf wieder richtig mitspielen, erlaubt man sich einen Blick auf das Display. Mein digitaler Übervater gibt mir folgende Informationen:

Wetter: Vaterstetten, bewölt, -1 Grad
             Aha, das heißt warm anziehen.

Verkehr: hohes Verkehrsaufkommen, 20 Minuter länger
               manchmal auch normaler Verkehr (eher selten, wenn man in einem Ballungsraum wohnt) 
               also früher wegfahren

Sofern man Termine eingetragen hat, kommen Meldungen inklusive Akustik Zeichen, was wann an dem Tag anliegt: z. B. 15:30 Treffen mit no name

Die Route zum Treffpunkt mit no name hat man wahrscheinlich vorher im Routenplaner eingetragen, um zu wissen, wie lang der Weg ist, wie man fahren muss und wie viel Zeit man braucht.

Kurz vor 15 Uhr erklingt ein Akustik Zeichen, und es erscheint die Meldung "Du musst spätestens 15:11 losfahren, dass Du pünktlich bei no name bist. Das habe ich tatsächlich letzte Woche genau so erlebt. Das ist ja alles ganz gut und schön, aber irgendwie erfüllt es mich mit einem gewissen Unbehagen. Was weiß mein Übervater noch alles von mir? Nicht, dass ich etwas zu verbergen hätte, aber ist das ein gutes Gefühl? Gibt es Geborgenheit und Wohlbehagen?

Bin ich froh, dass ich keinen Fitnesstracker habe, dann macht der mir wahrscheinlich auch noch Vorschläge, wann ich was trinken muss, dass mein Puls und mein Blutdruck zu niedrig oder zu hoch sind, mein Körperfett nicht ideal und und und ... Ich sehe in meinem Fitness Studio gefühlt jeden zweiten mit so einem Ding am Arm. Wissen die eigentlich, dass die Krankenkassen ganz scharf sind auf diese Daten und die wahrscheinlich schon bekommen? Außerdem würde mich dieses Gerät massiv stören bei meinem Training, und wenn ich schwitze wird das Dings da am Arm auch nicht schöner. Pfui Deifi, ohne mich.

Denkt ihr jetzt auch an George Orwell und den Roman 1984, der 1948 erschienen ist? Das ist jetzt fast 70 Jahre her und heute kann man gewisse Parallelen zu dem Thema des Romans sehen. Wohin führt das noch? Wahrscheinlich hat das Smartphone bei manchen Leuten schon eine Gehirnwäsche verursacht, man mag es fast meinen, wenn man so um sich schaut. Die meisten können wahrscheinlich ohne dieses Gerät gar nicht mehr existieren, weil sie dann doch mal selber denken müssen, und denken fällt bekanntlich schwer.

Handy


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